Der Ökumenische Kirchentag 2003

Ein Rückblick aus der Sicht konfessionsverbindender Paare und Familien

 

Für die konfessionsverbindenden Paare zeichnete sich bereits im Vorfeld ab, dass der ÖKT in seiner Bedeutung nicht überbewertet werden kann: Endlich einmal standen sie nicht am Rand der Konfessionen, sondern ganz in der Mitte der einen Kirche Jesu Christi. Ein Indiz dafür war die Rezeption dieses Themas in der Presse und den Medien. Es wurde in den letzten 10 Jahren nicht so viel über dieses Thema berichtet, wie seit Februar diesen Jahres.

Der gute Verlauf des Kirchentages hat das große öffentliche Interesse an der Gemeinschaft der Christen bestätigt, was auch von den Verantwortlichen der Konfessionen positiv aufgenommen wurde:

"Das Wagnis hat sich gelohnt. Es ist ein gelungener Kirchentag geworden", sagte Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskoferenz. Und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, wertete das Großereignis als "Meilenstein" in der Geschichte der Kirche.

 

Diese Aussagen lassen sich auch auf die Mitwirkung unseres Netzwerks übertragen: Es hat sich gelohnt, dass wir dabei waren und uns eingesetzt haben, und es war sicher ein Meilenstein auch in der Geschichte unseres Netzwerks.

An folgenden Veranstaltungen waren Mitglieder unseres Netzwerks aktiv beteiligt:

Am Donnerstag, 29. Mai sprach Rosmarie Lauber beim Hauptpodium I "Visionen der Ökumene" in einer mit mehr als 2000 Personen vollbesetzten Messehalle über ihre Erfahrungen in der konfessionsverbindenden Ehe, die sie als Bereicherung erlebt.
Am Freitag, 30. Mai war Olaf Becker beteiligt am Podiumsgespräch zum Thema: "Konfessionsverschieden, konfessionsverbindend, konfessionsüberwindend" in einem mit etwa 500 Teilnehmern - vor allem konfessionsverbindende Paare - gefüllten Saal im Haus am Köllnischen Park. Sowohl aus den Stellungnahmen der Podiumsteilnehmer als auch aus den Diskussionsbeiträgen aus dem Publikum wurde deutlich, wie konfessionsverbindende Familien in ihrem Alltag und bei der Erziehung der Kinder die Einheit in versöhnter Verschiedenheit leben und wie sie sich in ihren jeweiligen Gemeinden engagiert für die Ökumene einsetzen.
Am Freitag Nachmittag feierten wir einen ökumenischen Familiengottesdienst, der von Beate und Jörg Beyer so wie von Gabriele und Christoph Gaukel zusammen mit Mitgliedern unseres Netzwerks vorbereitet und gestaltet wurde. Das Thema lautete: "Ein Schiff, das sich Familie nennt - konfessionsverbindende Familien, Ihr seid die Lotsen der Ökumene". Der Wortgottesdienst fand in der Kirche am Tempelhofer Feld statt und war mit etwa 200 Erwachsenen und Kindern gut besucht. Auch die Kinder waren in den Ablauf des Gottesdienstes voll einbezogen.

In der Zeit von Donnerstag, 29. Mai bis Samstag, 31. Mai hatten wir einen Stand auf der AGORA im "Ökumenischen Dorf" zum Thema: "Konfessionsverbindende Familien als Chance und Wegbereiter der Ökumene". Der Stand war ständig umlagert von Menschen, die entweder selbst als "Betroffene2 in einer konfessionsverbindenden Ehe leben oder als Seelsorger mit diesem Thema konfrontiert werden. Es war erstaunlich, wie trotz des Trubels und des Andrangs intensive, manchmal sogar seelsorgerliche Gespräche über sehr persönliche Schicksale und über Glaubensfragen zustande kamen.

 

Ganz konkret haben etwa 260 Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands ihre Adresse eingetragen und angegeben, dass sie sich für die Arbeit des Netzwerks interessieren, sodass wir nun unser Netz ausweiten und auch enger knüpfen können.

 

Eine besondere Attraktion an unserem Stand auf der AGORA war ein

Gemeinde-Check, der auf einem Thesenpapier des Netzwerks basiert, in dem konkrete Schritte auf dem Weg zur Einheit vorgeschlagen wurden. Es wurde von uns im Februar 2003 veröffentlicht und intensiv in Kirche und Presse aufgenommen. In Anlehnung an die Thesen konnten die Besucher angeben, wo ihre jeweilige Gemeinde heute bezüglich der Ökumene steht, wobei folgende Stufen angekreuzt werden konnten:


Die Ergebnisse

Stufe 0: Wie vor 100 Jahren. Man kennt sich nicht und geht sich aus dem Weg.
Stufe 1: Die Gemeinden leben friedvoll und tolerant nebeneinander ohne wesentliche gemeinsame Veranstaltungen.
Stufe 2: In vielen Bereichen werden regelmäßig ökumenische Veranstaltungen durchgeführt.
Stufe 3: Nachbargemeinden laden sich bewusst und gezielt gegenseitig zu ihren jeweils eigenen Veranstaltungen ein, wo immer es möglich ist.
Stufe 4: Es wird alles gemeinsam durchgeführt, was nicht getrennt getan werden muss.


Insgesamt wurden 558 ausgefüllte Umfragebogen von den Teilnehmern abgegeben! Die Auswertung ergab:

Stufe 0: 8 Antworten = 1,4 %
Stufe 1: 118 Antworten = 21 %
Stufe 2: 236 Antworten = 42,6 %
Stufe 3: 165 Antworten = 29,6 %
Stufe 4: 31 Antworten = 5,4 %

Dies ist ein beachtliches und überraschendes Ergebnis. Es beweist einerseits, dass doch in vielen Gemeinden schon regelmäßig ökumenische Veranstaltungen durchgeführt werden. Aber es zeigt auch: Von der in der Charta Oecumenica aufgestellten Forderung, alles gemeinsam zu tun, was nicht getrennt getan werden muss, sind die Gemeinden noch weit entfernt.

 


Sorgen und Zweifel wurden überwunden

Als im Herbst letzten Jahres die Ehepaare Beyer und Lauber vom Leitungskreis des Netzwerks ein Gespräch mit dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Gebhard Fürst hatten, waren Anspannung und Sorge vor dem anstehenden Großereignis nicht zu überhören. Doch dann setzte sich der Optimismus durch, auch wenn konfessionalistische Kräfte der katholischen wie der evangelischen Konfession versuchten, dieses bedeutende Ereignis der Ökumene tot zu reden.Bereits im Vorfeld wurde deutlich, dass sich Reformgruppen gerade in der Frage der Eucharistie zurückhalten würden und auf dem Ökumenischen Kirchentag nicht mehr praktizieren würden, als in Deutschland vielerorts seit Jahren oder Jahrzehnten gelebte ökumenische Glaubenspraxis ist. Trotz dieses eher vorsichtigen Umfeldes wirkte die Veröffentlichung der Enzyklika "ecclesia de eucharistia“ wie ein Rückschlag, der den Ungeist des Konfessionalismusses zurückzubringen schien. Doch bei genauerem Hinsehen bringt diese Enzyklika gegenüber dem Kirchenrecht von 1983 zumindest den Vorteil, dass nach § 45 eine Teilnahme an der Eucharistie möglich ist für "...einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, welche nicht in der vollen Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche stehen. In diesem Fall besteht die Zielsetzung in der Tat darin, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis im Hinblick auf das ewige Heil einzelner Gläubiger zu entsprechen....". Für konfessionsverbindende Paare bedeutet dies nach der Überzeugung des Netzwerks, dass eine Teilnahme an der Eucharistie möglich ist. Denn diese Bedingung wird vom evangelischen Ehepartner eines Katholiken erfüllt, wenn dieser bewusst seinen christlichen Glauben lebt. Denn nach der Lehre des II. Vatikanischen Konzils (Lumen Gentium 11) sind Ehe und Familie, auch die konfessionsver­schiedene, kleinste Form von Kirche. Familie wird so zur Hauskirche. Damit ist nach katholischem Verständnis die Gemeinschaft bei der Eucharistie nicht nur möglich, sondern sogar eine Notwendigkeit, eben ein 'schwerwiegendes geistliches Bedürfnis'.

 

Der Ökumenische Kirchentag in Berlin stand unter dem Leitwort: "Ihr sollt ein Segen sein". Diese Leitwort wollen auch wir uns zu Herzen nehmen bei der künftigen Arbeit des Netzwerks: Wir sollen ein Segen für die konfessionsverbindenden Familien und darüber hinaus Lotsen der kumene sein. Wir unterstützen deshalb auch die klare Erwartung großer Teile der Besucher des Ökumenischen Kirchentages, dass der nächste ökumenische Kirchentag 2008 stattfinden soll. Wir hoffen, dass wir dann alle einladen können.