Das Abendmahlverständnis der Katholiken, Lutheraner und Calvinisten

 

 


 

A. Das katholische Abendmahlverständnis

Die kath. Lehre spricht von der Wandlung der ganzen Brotsubstanz in den Leib und der ganzen Weinsubstanz in das Blut, bei der Brot und Wein der Materie (Akzidenz) nach das bleiben, was sie vorher waren, aber ihrem Wesen (Substantia) nach etwas anderes geworden sind. Diese Wandlung bezeichnet man als eine Wesenswandlung (Transsubstantiation).

Zum Beispiel: Wenn in einer Druckerei Banknoten bedruckt werden, ist das Wesen des Papiers, ein bedrucktes Papier zu sein. Seine Akzidentien sind der Aufdruck und die Papierzusammensetzung. Wenn das bedruckte Papier als offizielles Zahlungsmittel freigegeben wird, dann hat sich sein Wesen geändert, nicht aber die Akzidentien. Vom Wesen her ist es jetzt ein Zahlungsmittel, doch seine Akzidentien sind immer noch Aufdruck und Papier

"Durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes. Diese Wandlung wurde von der heiligen katholischen Kirche treffend und im eigentlichen Sinne Wesensverwandlung genannt." (Konzil von Trient)

Es wird dabei von einer Realpräsenz Jesu Christi gesprochen:

„im Sakrament der heiligsten Eucharistie [ist] wahrhaft, wirklich und wesentlich der Leib und das Blut zugleich mit der Seele und mit der Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und folglich der ganze Christus enthalten. „er sei [nicht] in ihm nur Zeichen, im Bild oder in der Wirksamkeit“. (Can. 1 des Trienter Dekrets)

 

B. Das lutherische Abendmahlverständnis

Luther hat zur Transsubstantiation ein Gegenmodell entwickelt, das mit christologischen Überlegungen die Realpräsenz der menschlichen Natur Christi „in, mit und unter“ den Elementen von Brot und Wein versteht. So gründet die „Ubiquität“ (Allgegenwart) Jesu Christi die sakramentale Realpräsenz. Diese Präsenz ist nicht „räumlich-lokal“ zu denken, sondern, wie es der Ubiquität Gottes entspricht, die zwar „in“ allen Kreaturen ist, aber so, dass sie ihn nicht einschließen, sondern vielmehr er sie umfasst.

 

C. Das calvinistische Abendmahlverständnis

Calvin stellt eine pneumatologische Theorie auf, die die Gegenwart Jesu Christi in Brot und Wein kraft seiner Verheißung durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hervorhebt. (Calvin lehnt den rein äußerlichen Symbolismus Zwinglis konsequent ab, der besagt, dass die Elemente bloße Symbole des Sterbens Jesu Christi sind, so dass das Abendmahl nur zur reinen Gedächtnis- bzw. Erinnerungsfeier wird).

 

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

(1) Ablehnung der Ubiquitätslehre: Calvin und Thomas von Aquin sprechen sich ähnlich gegen die Ubiquität der Menschheit Christi aus, weil die verklärte menschliche Natur Jesu Christi nicht als solche überall anwesend sein kann, weil sie zur Rechten des Vaters thront. Die Transsubstantiationslehre besagt dazu, dass die Substanz (Wesen) von Brot und Wein in die Substanz des Leibes und Blutes Christi verwandelt wird und dass nicht die „Akzidentien“ (Materie) des menschlichen Leibes Christi einschließlich der räumlichen Ausdehnung in der sakramentalen Weise der Gegenwart anwesend sind.

(2) Ablehnung der Transsubstantiation: Calvin und Luther sprechen sich gegen eine Wesensverwandlung beim Abendmahl aus, weil Brot und Wein nach ihrer Meinung ihr Wesen beibehalten. Für sie findet keine „Vernichtung“ der Brot- und Weinsubstanz bei der Wandlung der Gaben in den Leib und das Blut Christi.

(3) Präsenz des wahren Leibes unter Gestalt des Brotes: Die lutherische Realpräsenzlehre stimmt der römisch-katholischen in dem Punkt überein, dass im Abendmahl Jesus Christus in seinem Leib und Blut „wahrhaftiglich“ gegenwärtig ist und sich unter der Gestalt von Brot und Wein von uns nehmen lässt.

Calvin spricht gegen eine Vorstellung der „somatischen“ Gegenwart Jesu und für eine der geistigen Gegenwart Jesu, weil die menschliche Natur Christi im Brot der göttlichen Herrlichkeit Christi unwürdig sei und sie nicht mit dem Wesen seines wahren Menschseins vereinbar sei.

(4) Personale Realpräsenz: Alle drei Modelle drücken den Glauben an die eucharistische Gegenwart Jesu Christi aus. Im folgenden Konvergenztext wird die gemeinsame Glaubensaussage zusammengefasst:

„Gegenwärtig wird der erhöhte Herr im Abendmahl in seinem dahingegebenen Leib und Blut mit Gottheit und Menschheit durch das Verheißungswort in den Mahlgaben von Brot und Wein in der Kraft des Heiligen Geistes zum Empfang durch die Gemeinde.“

entspricht Canon 1 vom Trienter Konzil.

 

Fazit:

Die drei unterschiedlichen Theorieansätze, nämlich die Transsubstantiationslehre, die Ubiquitätslehre und die pneumatologische Vermittlungstheorie, verfolgen das gemeinsame Grundanliegen, das Geheimnis der wirklichen Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie auszudrücken. Die katholische, lutherische und die calvinistische Lehre versucht, das Geheimnis der Gegenwart Christi in der Eucharistie auszusagen, allerdings in unterschiedlichen Theorieansätzen.

Alle Theorien haben sowie Stärken als auch Schwächen und keine von ihnen kann einen absoluten Geltungsanspruch stellen oder eine Lehrgestalt als häretisch verurteilen, schon auch deshalb nicht, dass diese sakramentale Anwesenheit des Herrn kaum mit Worten ausgedrückt werden kann. Außerdem bezeugt die Bibel auch nur die persönliche Gegenwart Jesu und thematisiert nicht, wie diese zustande kommt und zu erklären ist.

Angesichts dieser gemeinsamen Glaubensüberzeugung sind die unterschiedlichen Akzentuierungen in der Theologie und in der Spiritualität der Eucharistie nicht mehr als kirchentrennend zu bezeichnen. Man muss also zwischen der Glaubensaussage und den unterschiedlichen theologischen Theorien unterscheiden und der gemeinsamen Glaubensaussage das Gewicht für kirchenvereinende Aspekte geben.

Durch das gemeinsame Abendmahlverständnis ist eine gemeinsame Eucharistie möglich.

(Eveline Kiermasch)