Konfessionsverbindende Familien in Australien

Letzten Februar konnten einige australische Konfessionsverbindende Familien Ray Temmerman bei sich zu Hause willkommen heißen. Ray weiß jetzt wahrscheinlich viel mehr über Konfessionsverbindende Familien in Australien als die meisten der Familien vor Ort. In diesem riesigen Land, das die Ausdehnung von Europa, den USA oder Kanada besitzt, gibt es wenig Gelegenheit zu persönlichem Kontakt. E-Mail ist dabei eine Möglichkeit, die großen Abstände zu überbrücken. Dieser Bericht kann nur eine Sichtweise wiedergeben.
 
Es ist bekannt, dass mindestens 50% aller Ehen in Australien gemischt sind (oder konfessionsverbindend). Das 21ste Jahrhundert zeigt ein deutliches Wachstum an religionsverschiedenen Ehen. Australien hat sich mit seinen 20 Millionen Einwohnern inzwischen zu einer multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft entwickelt, wie es sie sonst auf der Welt nirgends gibt. Seit dem 2. Weltkrieg wurden all denjenigen die Tore geöffnet, die aus ihren Heimatländern geflohen waren, weil ihnen dort aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit Freiheiten verweigert wurde. In der heutigen australischen Gesellschaft lebt die 40.000 Jahre alte Aboriginal-Spiritualität neben Hindus, Buddhisten, Juden, Konfuzianern, Christen und Muslimen und weiteren Mischformen. Moscheen, Tempel und Schreine gehören zum städtischen und gelegentlich auch zum ländlichen Leben dazu. Verschiedene östliche, russische und griechisch-orthodoxe Kirchen finden sich in allen größeren Städten, da die Einwanderer ihre religiöse Identität bewahren. Unsere Gesetze bieten Schutz vor Diskriminierung in diesem riesigen Land, das wie Palästina zur Zeit Jesu anmutet. Die friedfertige, tolerante und unabhängige Art der meisten Australier hat eine Atmosphäre geschaffen, in der religiöse und ökumenische Harmonie für die meisten Realität geworden ist.
 
In dieser Situation hat sich die angelsächsische, nominell christliche Gesellschaft in eine säkulare Gesellschaft umgestaltet, in der die Zahl der Christen abnimmt, obwohl gleichzeitig die Zahl der Konfessionen dramatisch zugenommen hat. Der NCCA (National Council of Churches in Australia, dt.: der Nationale Rat der Kirchen in Australien, Anm. d. Übersetzerin) umfasst 15 große Gliedkirchen. Von der christlichen Bevölkerung sind über 30% römisch-katholisch, etwas weniger als 30% sind anglikanisch. Daneben gibt es die Uniting Church (dt.: Vereinte Kirche), Lutheraner, die Heilsarmee, Orthodoxe, Baptisten, Presbyterianer und evangelikale Protestanten, die alle über stark profilierte Gemeinschaften und große gesellschaftliche Präsenz verfügen.
 
Die australische römisch-katholische Bischofskonferenz besteht aus 38 Diözesen, hat jedoch noch keine Richtlinien zur Eucharistiegemeinschaft mit anderen Christen erlassen. Dennoch sind einzelne Richtlinien zur Eucharistiegemeinschaft herausgegeben worden, so vom Erzbischof von Brisbane (1993, Blessed and Broken), von den Bischöfen von Broken Bay, das zu Sydney gehört, (1999, One Body Broken), von Rockhampton und im Norden von Queensland (1999, Guidelines for Sacramental Sharing) sowie von Maitland-Newcastle (2001, Real Yet Imperfect). Damit folgte man den Empfehlungen des Ökumenischen Direktoriums von 1993. Jede einzelne dieser kleinen Veröffentlichungen erläutert, wann Eucharistiegemeinschaft erlaubt und angeraten erscheint. Konfessionsverbindene Familien genießen damit besondere Aufmerksamkeit, wie sie ihnen auch im Direktorium zukommt. Andere Diözesen berufen sich bekanntermaßen auf diese Dokumente, wenn entsprechende Fragen zur Debatte stehen.
 
Ein längeres Begleitdokument wurde dank der Unterstützung von Fr Ernest Falardeau aus der Erzdiözese Santa Fe in Maitland-Newcastle veröffentlicht. Es berichtet von der großen ökumenischen Geschichte der Diözese Maitland-Newcastle und erläutert die Änderungen des Kirchenrechts von 1983 sowie die daraus resultierenden Normen des Direktoriums. Einige Mitglieder der Diocesan Ecumenical and Interfaith Commission (dt.: Diözesankommission für Ökumene und Interreligiöses) organisieren Workshops, in denen die Vorschriften ausführlich dargestellt werden.
 
Die Workshops bewirken bei den Teilnehmenden oft eine regelrechte Heilungserfahrung. Die Anerkennung, dass sowohl der katholische Teil wie dessen Ehepartner und Familienmitglieder auf Wunsch und falls sie den katholischen Glauben an die Eucharistie teilen, jetzt bei Familienfeiern wie Taufe, Erstkommunion, Priesterweihe, Hochzeit und Beerdigungen die Eucharistie empfangen dürfen, schafft pastorale Empathie ganz im Geiste Johannes XXIII. und des II. Vaticanums:
Es möge Einheit herrschen in allem was notwendig ist, Freiheit in allem was ungelöst ist, Liebe aber über allem.
 
Obwohl über 50% der römisch-katholischen Ehen gemischt sind, gehören nur wenige einer Gruppe der Konfessionsverbindenden Familien an, in der Unterstützung bei dem Wunsch nach der Teilnahme von beiden Geistlichen an Taufe, Hochzeit und Beerdigung geboten wird. Es hat den Anschein, dass die meisten konfessionsverbindenen Paare ihren eigenen Weg gefunden haben, der sie durch die verschiedenen komplexen Situationen führt. Sie folgen dabei einfach in Stille ihrem eigenen Gewissen. Die Tatsache, dass die römisch-katholische Kirche mehr pastorales Einfühlungsvermögen für den Wunsch nach sakramentaler Gemeinschaft in der Familie an den Tag legt, ist ein Fortschritt. Allerdings stellt die Weigerung, die Gewissensentscheidung von Katholiken anzuerkennen, die die Sakramente in der Konfession des Ehepartners empfangen, -es sei denn der Geistliche ist “gültig” ordiniert,- ein deutliches Hindernis dar. Im Stillen seine eigene Gewissensentscheidung zu treffen und danach zu leben, ist eine echte Alternative geworden.
 
Alle konfessionsverbindenen Familien begrüßen den Report of the National Dialogue (dt.: Bericht über den nationalen Dialog) zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Uniting Church in Australien: Interchurch Marriages – Their Ecumenical Challenge and Significance for Our Churches. Er wurde von der Australischen katholischen Bischofskonferenz und dem UCA (Assembly Standing Committee) unterzeichnet.
Darin heißt es (Originaltext auf S. 22):
Wenn Paare aus verschiedenen christlichen Traditionen unsicher sind, in welcher Kirche sie heiraten oder in welcher Konfession sie ihre Kinder erziehen sollen, verdienen sie unser Mitgefühl. Schließlich liegt die Schuld nicht bei ihnen, sondern in unserer Trennung. Der Schmerz, den dies verursacht, ist nicht von ihnen verschuldet, sondern von unseren Kirchen, die sie in diese Lage gebracht haben. Nicht die Kirche muss ihnen vergeben, sondern die Kirche muss sie um Vergebung bitten. Aus dieser Haltung heraus sollten unsere Kirchen Heiratswillige empfangen und sie wenn nötig zu ihrer konfessionsverbindenden Ehe ermutigen und nicht darin behindern.
 
Der Schmerz der Trennung ist gerade für konfessionsverbindende Paare unleugbar und prägt ihr Bewusstsein. Auch wenn es ihnen möglich ist, die Eucharistie gemeinsam zu empfangen, bleibt der Schmerz der Trennung immer anwesend. Diese Familien hoffen inständig, dass die Geistlichen sich dieses Sachverhalts bewusst werden und die Zeichen der Zeit erkennen. Noch immer wird leichtfertig ein “Nein” als Antwort von Geistlichen ausgesprochen, die sich die bestehende Möglichkeiten nicht vor Augen führen.
 
Wir beten dafür, dass in diesem jungen Land Australien, dem großen südlichen Land des Heiligen Geistes, unsere mulitreligiöse und multikulturelle Gesellschaft den Weg weist, auf dem die alte Welt folgen kann.
 
Bev und Kevin Hincks, Newcastle, N.S.W. Australien